Ela Angerer

Was das Problem ist, fragt Hermann am Telefon. Es gibt dazu schließlich keine Munition. Die Pistole, sagt er, liegt ja bloß in deinem Keller. Gut versteckt in einem Koffer, zusammen mit meinen restlichen Sachen. Dort stört sie doch niemanden.

Ich sage: Mich schon. Jetzt, wo es vorbei ist zwischen uns, habe ich keine Lust, drei Stockwerke über einer Waffe zu schlafen. Einer Waffe, die von dir ist. Etwas viel Ironie für das Ende unserer Geschichte, findest du nicht?   

Ein Stöhnen geht durchs Telefon. Die Grenzzäune werden jetzt dichtgemacht. Wie immer, wenn man von Hermann etwas Anderes verlangt als berufliche Glanzleistungen. Er sagt: Ich brauche davon nichts. Aber gut. Dann lasse ich meine restlichen Sachen eben abholen. So bald als möglich.
Ich sitze im Arbeitszimmer, vor dem offenen Fenster, und konzentriere mich auf die verschiedenen Töne in meinem neuen Exil: Der Gesang der Vögel mischt sich mit den Sonntagsgeräuschen der Stadt, aus einem Musikverstärker dröhnt arabischer Hiphop, Handbälle donnern gegen Metallgitter, weit weg rauscht der Autoverkehr.

Und sonst?, fragt Hermann. Wie geht’s sonst?

 

Nie habe ich Hermann gefragt, woher die Pistole kommt. Der Besitz der handlichen Vernichtungsmaschine hat nach keiner Legitimation verlangt. Er schläft nächtelang im Freien, für seine Untersuchungen. Er hat einen Jagdschein oder auch nicht. Nie habe ich gefragt, warum er als Biologe, genauer gesagt, Wildwasserökologe, überhaupt eine Waffe besitzt. So wild geht es an deinen Gewässern doch gar nicht zu, habe ich gesagt und dabei gelacht. Mehr nicht. Er hat die Pistole zu seiner Wäsche in meinem Schrank gelegt. Ich hatte darin ein Fach für ihn freigemacht. Damit er möglichst oft zu mir kommt und möglichst oft bei mir einschläft und von nun an immer mit mir wohnt.

Damals haben wir beide gelacht: das Hervorblitzen des schwarzen Laufs, zwischen seinen Hemden, Unterhosen, Rasierklingen, Fachbroschüren und Kontoauszügen. Darauf eingeprägt: Glock 17 — 9 mm. Mehr habe ich nicht gefragt. Weil die ganze Welt, sobald Hermann durch die Tür getreten ist, zu einem einzigen Flimmern und Flirren wurde. So, als hätte jemand alle Räume mit funkelnden Girlanden und Lampions behängt. An guten, windstillen Tagen — anfangs hat es sie oft gegeben — hat Hermann seine Arme weit ausgebreitet, mich plötzlich bei den Schultern gefasst, meinen Hals zwischen seine heißen Hände genommen und in mein Ohr geflüstert: Wie schrecklich habe ich dich vermisst.

 

Aber es geht doch nur um Energie. So hallte es damals, bei unserem ersten Zusammentreffen, siegessicher durch den Raum. Wir saßen in einer kleinen Runde zusammen, nach einem seiner Vorträge. Einer der Zuhörer stellte den Sinn seiner Ausführungen in Frage. Hermann antwortete: Aber es geht doch nur um Energie, so werden die Atome der Welt zusammengehalten.

Schon nach diesem ersten Satz bin ich zu ihm übergelaufen. Ungefragt habe ich ihn zu meinem König ernannt. Die üblichen Rituale des Kennenlernens über mich ergehen lassend, wie eine lästige Untersuchung.

Werden sie heute noch von jemandem erwartet?

Ich könnte gegen halb neun im Café Schwarzenberg sein.

Schnell haben wir unser eigenes Land gegründet. Schnell habe ich Hermann die Schlüssel zu meiner Wohnung in die Hände gelegt. In diese kräftigen Wildwasserhände, die sich davor in meine Schulterblätter gebohrt hatten und meine Arme in Bettlaken gedrückt. Alles war jetzt durchdrungen von seinem Atem. Jedes Mal, wenn wir nebeneinandergelegen sind, uns Texte vorgelesen haben, zuerst seine wissenschaftlichen, dann meine ausgedachten, habe ich mein Ohr an seine Brust gehalten und im Takt seines entschlossenen Atems mitgeatmet. Jedes Mal, wenn wir beisammen gelegen sind, atmete er mich mit.

Und sonst?, fragt Hermann am Telefon. Wie geht’s sonst?

 

Mein Freund, der zornige Schriftsteller, sagt: Die Menschen treten sich ja nicht gesund gegenüber. Das ist das Problem. Alles, sagt er, was auf die erste gemeinsam gerauchte Zigarette folgt, sind Bonustracks, planlose Fingerübungen. Sie führen nirgendwohin.

Tatsächlich haben Hermann und ich bis heute alle Hände voll zu tun. Bettlaken werden gewechselt. Badewannen laufen mit dampfendem Wasser voll. Fleischsuppen garen auf Herdplatten.  Aber all diese Besänftigungen helfen uns nicht. Denn es müssen Kriegsschauplätze verwaltet, Vermisstenanzeigen bearbeitet und Wundstarrkrämpfe gelindert werden. Jeder schlägt seine eigene Schlacht.
Natürlich will man erzählen, verstehen, die Anfänge orten. Wo alles begann? Zum Beispiel mit einem Fantasiepullover. Für ihn, damals zehn Jahre alt, war der aus bunten Wollresten gestrickte Pullover sein schönstes Kleidungsstück. Er trug ihn anstelle eines Sakkos, als er die Stiegen im Elternhaus hinunterkam. Man trägt gefälligst einen Rock ins Theater, schrie sein Vater, ja, er benutzte dieses altmodische Wort, und schlug mit der Kante eines Schulbuches zu. Immer wieder schlug er auf den Kopf von Hermann ein, während die Mutter sanft mit ihrem Kopf nickte.  Sie verstand sich als Anwältin des Vaters.

Oder es begann schon viel früher: Hermann kam mit seinem ersten Schulzeugnis nachhause, legte es auf den Schreibtisch des Vaters. Dummerweise hatte er auf dem Heimweg mit dem Pausenbrot einen Fleck auf das Dokument gemacht. An diesem Tag spritze aus dem Ohr von Hermann zum ersten Mal Blut.

Es muss mit seinem beschmutzten Zeugnis zu tun haben. Denn Hermann, der in unseren ersten Monaten immer wieder gerufen hat: Ich liebe dich. Sag du es mir auch. Oder Hermann, der in unseren ersten Monaten immer wieder gesagt hat: Ich will alles von dir wissen, nur mit dir sein — nie hätte ich gedacht, dass ich das einmal zu einer Frau sagen werde.

Dieser Hermann hat irgendwann begonnen, seltener anzurufen, mich bei Verabredungen warten zu lassen oder erst gar nicht zu erscheinen, immer öfter Termine zu erfinden. Ich weiß gar nicht, was du hast, hat er auf mein Nachfragen geantwortet. Warum bist du bloß immer so unzufrieden? Denn natürlich haben seine Nachlässigkeiten und Unwahrheiten meinen eigenen Krieg befeuert. Einen immerwährenden Ausnahmezustand, entstanden durch zu spät diagnostizierte Kinderkrankheiten, die monatelang in Spitälern auskuriert werden mussten, unter den harten Händen von Klosterschwestern, entstanden unter der Abwesenheit von Vätern und der Zudringlichkeit von Großvätern. 

Die Menschen treten sich ja nicht gesund gegenüber. Das ist das Problem.
Bald befanden wir uns im Krieg.

Einmal, als wir einen Weihnachtsabend bei seinen Eltern verbrachten, erzählte die Mutter von Hermann beiläufig nach dem Essen: Ich bin der einzige von acht Säuglingen, der überlebt hat. Alle anderen hat mein Vater gleich nach der Geburt in einem Kübel Wasser ersäuft. Dafür, hat er gesagt, und dabei auf das im Kübel schwimmende Bündel gezeigt, haben wir kein Geld. Erst bei mir hat sich meine Mutter geweigert und ist mit mir über die Berge geflohen.

Familiengeschichten wie diese, so scheint es, haben Hermann zu einem Mann gemacht, der sich sicherer fühlt, wenn er an heiklen Orten auf eine Waffe zurückgreifen kann, an Flussmündungen oder in meinem Schlafzimmer.

Und sonst?, fragt Hermann. Wie geht’s sonst?

 

Er wehrt sich bis heute gegen seine Ausbürgerung, dagegen, seinen Koffer abzuholen. Dass ich jetzt ohne ihn auskomme, versteht er nicht. Sobald er in der Stadt ist, hinterlässt er mir Botschaften, beim Wirt, an der Tankstelle, im Kaffeehaus. Ständig heißt es: Ah, ihr Hermann war gestern auch schon da. Einfach herrlich, was er immer für Geschichten von seinen Expeditionen erzählt.

Wie Vertriebene laufen wir unter vergessenen Lampions und Girlanden.

Wir bereisen jetzt neue Gebiete. Unseres, für das wir tausend Namen erfunden hatten, ist längst verweist.

Weit weg rauscht der Verkehr. Der Gesang der Vögel mischt sich mit den Sonntagsgeräuschen der Stadt.
Würdest du bitte endlich deine Waffe aus meinem Keller entfernen? Damit ich die Schlachten in unserem Land vergesse. Damit ich mich wieder erinnere, an die weiten Kornfelder und an die herrliche Musik.